Der dorsale Zustand: Wenn der Körper auf Erstarrung schaltet
Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht, kein medizinischer Ratschlag. Details wurden zum Schutz meiner Anonymität verallgemeinert.
Ich befinde mich seit längerer Zeit in einem Zustand, den die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges als dorsalen Vaguszustand beschreibt: Erstarrung, Erschöpfung, Rückzug, kaum Motivation. Es ist die evolutionär älteste Notbremse des Nervensystems – Immobilisierung als Schutzreaktion, wenn Kämpfen oder Fliehen keine Option mehr sind.
Wenn Erstarrung zum Normalzustand wird
Bei chronischem Stress kann sich das Nervensystem in diesem Zustand stabilisieren, als wäre er der neue Normalzustand – in der Forschung manchmal als „allostatic load" bezeichnet. Das ist umkehrbar, aber langsam. Gesprächstherapie allein erreicht diesen Zustand oft schwer, weil sie vor allem über den Kortex läuft – und der ist in einem dorsalen Zustand kaum zugänglich. Somatische Ansätze, wiederholte Sicherheitserfahrungen und teils auch medizinische Interventionen können helfen, das System langsam wieder zu öffnen.
Drei Jahre in diesem Zustand, nach knapp dreißig Jahren chronischer Überlastung davor, sind nicht pathologisch lang. Das musste ich mir selbst oft genug sagen, weil eine ungeduldige innere Stimme das anders bewertet.
Was in dieser Zeit trotzdem passiert ist
Von außen sieht ein dorsaler Zustand oft wie Stillstand aus. Was in dieser Zeit tatsächlich passiert ist: Psychotherapie begonnen und über zwei Jahre durchgehalten. Mit Cannabis aufgehört. Mit Alkohol aufgehört. Mit Rauchen aufgehört – drei große Veränderungen gleichzeitig, ausgerechnet in einer Phase, in der es mir besonders schlecht ging. Dazu EMDR-Sitzungen, das eigene Nervensystem über Herzratenvariabilität verstehen gelernt, eine Autismus-Diagnostik eingeleitet.
Das ist keine Untätigkeit. Das ist enormer Aufwand. Ich schreibe mir das inzwischen bewusst auf, für die Momente, in denen die innere Stimme behauptet, ich würde nichts tun.
Intrusives Erinnern
Ein Teil dieser Zeit war geprägt von unwillkürlichen, wiederkehrenden negativen Erinnerungen, die durch neutrale Reize ausgelöst wurden und sofort emotional aktivierten. Das nennt sich intrusives Erinnern und ist bekannt bei Trauma, Depression und Autismus. EMDR kann direkt mit diesem Muster arbeiten – wichtig sind dabei langsame, ressourcenorientierte Protokolle mit ausreichender Stabilisierungsphase, denn zu schnelles Vorgehen kann destabilisieren statt helfen.
Wenn die Therapie selbst zur Belastung wird
In einer der letzten Sitzungen ist etwas schiefgelaufen. Ich habe weinend über wiederkehrende, belastende Erinnerungen gesprochen – und wurde mit einer gereizten Reaktion und dem Begriff „past memory rumination" konfrontiert, der sich wie ein Vorwurf anfühlte. Mein Nervensystem ist daraufhin in den Shutdown gegangen: präfrontaler Kortex offline, keine Sprache mehr, keine Gegenwehr, nur noch Erstarrung. Das ist keine Schwäche. Das ist eine neurologische Reaktion auf Überwältigung.
Ich möchte bei meiner Therapeutin bleiben. Ich möchte ansprechen, dass ich nicht verstehe, was in dieser Sitzung passiert ist, und ihr gleichzeitig sagen, dass mir die Therapie insgesamt guttut – dass ich echte Fortschritte sehe, zum Beispiel, dass ich mich mit meinen Eltern kaum noch streite, was am Anfang alle paar Tage in großen Konflikten ausartete. Und ich möchte klarstellen: Als ich einmal sagte „ich mach ja schon alles und nichts hilft", meinte ich meinen emotionalen Schmerz und den Zustand meines Nervensystems – nicht die therapeutische Arbeit selbst.
Fortschritte, die real sind
Ich habe aufgehört mit Substanzen. Ich streite mich kaum noch mit meinen Eltern. Ich erkenne Muster in Beziehungen und handle bewusster. Ich habe gelernt, hinzuschauen – in mich, in meine Vergangenheit, in Dinge, die wehtun. Das sind zwei Jahre Arbeit, die langsam sichtbar werden, auch wenn sich vieles davon von außen wie Stillstand anfühlt.
Ich bin mitten drin, nicht am falschen Ort. Der schwierigste Moment in diesem Prozess ist genau dieser: Die alten Strategien sind weg, die neuen noch nicht stabil genug. Was ich trotzdem weiß: Ich halte stand. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine Grundlage.
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