Nüchtern im Club: Was eine Nacht mir über Zugehörigkeit zeigte
Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht, kein medizinischer Ratschlag. Details wurden zum Schutz meiner Anonymität verallgemeinert.
Musikzentriertheit und Nüchternheit wirken in der Techno-Szene als eigene Form von subkulturellem Kapital – nicht Kleidung oder Auftreten entscheiden darüber, wer als „echt" wahrgenommen wird, sondern erkennbar echtes Interesse an der Musik selbst, unabhängig vom Rausch. Vier Begegnungen aus einer Nacht zeigen, wie unterschiedlich sich das anfühlen kann.
Türcode
Ich habe einen Mann an einem Wochenende an der Raucherecke kennengelernt. Er wirkte auf den ersten Blick gar nicht wie ein typischer Clubgänger – unauffällige Kleidung, die nicht ins übliche Bild der Szene passte. Ich habe ihn nach einer Zigarette gefragt, daraus wurden fünf Stunden Gespräch. Erst danach erfuhr ich, dass er seit Jahren in Deutschland lebt und in medizinischer Ausbildung ist. Er erzählte, dass er schon oft nicht in Clubs reingekommen ist – ein Detail, das im Rückblick viel über den Rest des Abends erklärt.
Beim nächsten Treffen sind wir gemeinsam tanzen gegangen. Schnell wurde deutlich, dass er die ungeschriebenen Regeln der Tanzfläche nicht kennt: Er tanzte nicht zum DJ oder in den Raum, sondern durchgehend direkt in meine Richtung, sehr nah, mit auffordernden Gesten. Das hat mich zunehmend genervt, bis hin zu Gereiztheit. Ich habe mir bewusst Zeit genommen, das Gefühl einzuordnen, bevor ich reagiert habe.
Meine Reaktion: eine gemeinsame Zigarette, danach habe ich mich bewusst weiter von ihm weg gestellt. Er zeigte daraufhin dasselbe Verhalten bei anderen Tanzenden – die Bestätigung, dass es nicht persönlich gegen mich gerichtet war, sondern ein generelles Nichtkennen der Distanzregeln, plausibel erklärbar dadurch, dass er durch häufige Abweisungen an der Tür kaum Gelegenheit hatte, diese Regeln durch wiederholte Anwesenheit zu lernen.
Meine übliche erste Reaktion, wenn mir jemand zu nahe tanzt: Abstand ohne Berührung, kombiniert mit veränderter Blickrichtung. Hält jemand die Grenze trotzdem nicht ein, spreche ich es direkt an – klar und konkret, nicht vage, gerade weil implizite Höflichkeit bei fehlender Szeneerfahrung genauso überhört werden kann wie implizite Körpersignale.
Vorurteil und Zugehörigkeit
Der Mann von der Tür hatte einen Freund dabei, mit einem auffällig bunten Batik-Shirt. Ein weiterer Bekannter der beiden fragte mich, ob eine gefärbte Shirt-Farbe gut aussieht – ich fand sie tatsächlich stimmig. Beide waren sichtlich stark berauscht. Der Freund im Batik-Shirt erzählte später, wie sehr er bewundert, dass ich alleine tanzen gehe – das würde er sich selbst nie trauen.
Im Gespräch kam heraus, dass der Bekannte aus Albanien kommt. Der Freund im Batik-Shirt erwähnte, er habe mal Kollegen gehabt, die ihm gesagt hätten, er sei „gar kein richtiger Albaner", sondern aus einer bestimmten Region. Der Bekannte antwortete darauf, dass er nicht immer stolz auf seine Landsleute sei – eine bemerkenswert offene Selbstreflexion. Der Freund im Batik-Shirt erwiderte: „Na, du bist ja ein Guter."
Dieser Satz war der Punkt, an dem ich eingegriffen habe – „jetzt reicht's aber" – und mit dem Bekannten aus Albanien tanzen gegangen bin. Die Struktur dahinter: Eine Einzelperson wird aus einer negativ konnotierten Gruppenzuschreibung herausgelobt, was die Abwertung der Gruppe gleichzeitig bestätigt und unhinterfragt lässt. Eine klassische Form von Alltagsrassismus, die sich deutlich von der eigenen, selbstkritischen Äußerung des Bekannten unterscheidet.
Die Nüchterne als Spiegel
Im Zimmermann habe ich eine Frau auf der Toilette kennengelernt. Sie fragte direkt, ob ich mit ihr Koks ziehen wolle. Ich habe verneint. Auf ihre ungläubige Nachfrage habe ich bestätigt: komplett nüchtern, auch kein Alkohol. Sie wollte unbedingt später mehr darüber erfahren, wir haben uns verabredet.
Ich habe ihr offen erzählt: dass ich früher selbst konsumiert habe, eine Psychose hatte, und danach komplett aufgehört habe. Auf ihre Frage, warum, habe ich geantwortet: weil es mir einfach zu gut gefallen hat. Sie war sichtlich beeindruckt und öffnete sich selbst – über eigene Vermutungen zu ADHS, über Neurodivergenz in ihrem Umfeld. Im weiteren Gespräch fiel mehrfach auf, wie außergewöhnlich meine Nüchternheit und meine Musikfixierung wahrgenommen wurden. Der Bekannte aus Albanien bestätigte das später an einem anderen Abend: nur zum Tanzen und wegen der Musik zu kommen, das sei „am allercoolsten" – das machten nicht viele: „Viele gehen nur für die Drogen hin."
Verletzlichkeit als Gegenpol
Ein Kontraststück zu den anderen Begegnungen: Beim Feiern in Berliner Clubs – unter anderem Kater Blau, Tresor und RSO – haben mein Ex-Partner und ich einen Mann kennengelernt, der innerhalb von sieben Tagen mehrere dieser Clubs besucht hatte. Auf meine Frage, welcher Club am besten gewesen sei, reagierte er ablehnend: Die Frage sei nicht sinnvoll zu beantworten, Clubs seien nicht vergleichbar. Diese Reaktion hat mich stark getriggert – Stimmung im Keller, kein Tanzen mehr, kurzzeitige Besserung im Gespräch mit jemand anderem, zuhause kam das Gefühl zurück. Am nächsten Morgen bestand weiterhin das Bedürfnis, es mit meinem Ex-Partner durchzugehen. Am meisten gestört hat: implizit als „uncool" dargestellt worden zu sein.
Für diese Art von Nachhallen gibt es mehrere Erklärungsraster, mit unterschiedlich starker Evidenzlage: autistisches Grübeln als aktiver Bedeutungsfindungsprozess bei unvollständig verarbeiteter sozialer Mehrdeutigkeit; Rejection Sensitive Dysphoria, ein in ADHS-Kreisen populäres, aber wissenschaftlich noch schwach abgesichertes Konzept; und ein Post-Event-Crash – die These, dass der neurochemische Puffer nach einer intensiven Nacht bereits aufgebraucht war, wodurch eine kleine soziale Reibung überproportional hart landen konnte.
In den ersten Begegnungen an der Tür und auf der Tanzfläche war ich diejenige, die reguliert, Grenzen setzt und Vorurteile kontert – handlungsfähig und gefasst. In der Szene mit meinem Ex-Partner und dem Fremden zeigt sich die andere Seite: eine tiefe Verletzlichkeit durch eine winzige soziale Zurückweisung, die trotz gefestigter Position in der Szene nicht abgefedert werden konnte. Beide Seiten gehören zusammen, um ein realistisches, nicht idealisiertes Bild zu zeichnen.
Was bleibt
Ein wiederkehrendes Muster über alle vier Begegnungen: Szenezugehörigkeit wird auf mehreren Ebenen verhandelt – an der Tür, auf der Tanzfläche, in der Gruppendynamik, im persönlichen Gespräch. Und die Erinnerung an den Fremden erinnert daran, dass auch die eigene, gefestigte Position in einer Szene nicht vor Verletzlichkeit schützt.
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