Der wortlose Dialog
Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht, kein medizinischer Ratschlag. Details wurden zum Schutz meiner Anonymität verallgemeinert.
Im Essaim setzt der Bass ein, bevor ich die Tür ganz durch bin. Ich stehe noch im Übergang zwischen Straße und Raum, zwischen der Frau, die eben noch im Nachtbus saß, und der, die gleich tanzen wird. Ich habe mich getraut herzukommen, auch heute, auch mit dem Gefühl, dass mein Körper gerade nicht der ist, mit dem ich mich am leichtesten zeige. Ich gehe trotzdem rein.
Der Türsteher nickt mir zu, fast wie einem alten Bekannten. Ein paar Meter weiter, an der Garderobe, ein kurzes Gespräch über Nachtbus-Fahrten, über Städte, die man nur vom Busfenster aus kennt. Kleine Sätze, die nichts wiegen und doch etwas festhalten: dass ich gesehen werde, bevor ich überhaupt angekommen bin.
Ein stiller Dialog
Ein Mann steht später am Rand der Tanzfläche. Ich weiß in dem Moment nicht, dass ein Mensch einfach nur durch seine Art, im Raum zu sein, so viel in mir bewegen kann. Ich tanze, und ein Teil von mir tanzt wirklich, ganz im Rhythmus, im Bass, im Jetzt. Ein anderer Teil schaut zu ihm hinüber. Und ein dritter, das bemerke ich erst im Nachhinein, beobachtet die beiden anderen Teile dabei, wie sie das tun.
Später, als der Himmel draußen schon dünn wird, tanze ich mit dem Mann, dem der Club zur Hälfte gehört. Wir sprechen kein Wort. Zwanzig Minuten, vielleicht länger, Seite an Seite, im selben Sog. Ich frage mich, ob er merkt, dass ich ihn merke. Ich weiß es nicht. Ich werde es nie wissen, nicht wirklich – aber in diesem Moment ist das fast egal, weil die Musik uns beiden gleichzeitig gehört.
Eine Frau aus Paris tanzt sechseinhalb Stunden neben mir. Wir reden kaum, aber wir sind die ganze Nacht aneinandergelehnt, wie zwei Menschen, die sich ein Gewicht teilen. Irgendwann bringt uns jemand Wasser, dann Mate, zweimal, dreimal – jemand, der einfach durch die Menge geht und verteilt, was er hat, ohne dass man ihn danach fragen müsste. Wir trinken abwechselnd aus derselben Flasche. Es ist die banalste Geste der Welt, und trotzdem fühlt sie sich an wie etwas, das man sich merken sollte.
Wiedererkannt werden
Eine Frau erkennt mich wieder. Vier Monate ist das her, sagt sie, an einem Abend, an dem ein bekannter DJ hier auflegte. Ich erinnere mich an dieses Gespräch noch genauer, als ich zugeben will – wie ich dazwischengeredet habe, aufgeregt, weil er sagte, dieser Club sei wie sein Zuhause, und ich in dem Moment dachte: mir geht es genauso. Ob er das komisch fand, dieses Reinplatzen einer Fremden in seinen Satz, weiß ich bis heute nicht. Aber irgendjemand sagte „welcome", und ich habe beschlossen, dass es für mich galt.
Wir tauschen Nummern. Sie erwähnt eine Reise nach Berlin, zu Tresor und ins ://about blank – ein Traum, sagt sie, den sie sich schon lange nicht erfüllt hat. Für einen Moment gehöre ich zu einem Netz von Menschen, die sich wiedersehen wollen, die sich etwas zutrauen.
Der zweite Blick
Wenn ich das später aufschreibe, tauche ich noch einmal in die Nacht ein. Ich halte fest, was passiert ist, für mich, für später, für die Version von mir, die das in ein paar Monaten noch einmal liest. Und irgendwann stelle ich mir selbst die Frage zurück: Warum kreist so viel darum, was die anderen wohl über mich denken?
Ich habe darauf keine schnelle Antwort. Nur die Ahnung, dass diese Nächte mir etwas geben, das der Alltag mir schuldig bleibt – gesehen werden, ohne mich erklären zu müssen. Und dass ich lerne, das zu benennen, während ich es noch einmal erzähle, ist vielleicht schon die eigentliche Bewegung: nicht die Nacht selbst, sondern der zweite Blick darauf, den ich mir sonst nicht gönnen würde.
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