Nervensystem, Bindegewebe und Neurodivergenz
Nach einem langen Techno-Abend lag mein Ruhepuls am nächsten Morgen bei 82 – normalerweise liegt er bei etwa 49. Das ist kein Zufallsbefund, sondern ein guter Einstieg, um zu verstehen, wie eng Nervensystem, Bindegewebe und Neurodivergenz bei manchen Menschen zusammenhängen.
Was ein hoher Puls nach dem Tanzen erklärt
Ein erhöhter Ruhepuls nach intensiver Belastung – lauter Musik, Bewegung über Stunden, wenig Schlaf, Flüssigkeitsmangel, extrem viele Sinnesreize – ist physiologisch gut erklärbar: anhaltende Aktivierung des Sympathikus, dazu Schlafentzug und Dehydration. Erholung dauert dabei typischerweise ein bis drei Tage. Sinnvolle Sofortmaßnahmen sind Elektrolyte, Schlaf, kein zusätzliches Koffein und leichte Bewegung, um den Parasympathikus wieder zu aktivieren.
Interessanter ist der Ausgangswert: Ein Ruhepuls von 49 liegt im Bereich von Ausdauersportler:innen und deutet auf eine hohe kardiovaskuläre Effizienz hin – bei neurodivergenten Menschen möglicherweise mitbedingt durch einen erhöhten Vagustonus, der als Gegenregulation zu chronischem Stress entsteht.
Wenn Bindegewebe und Nervensystem sich gegenseitig beeinflussen
Faszien sind dicht mit Nervenendigungen durchzogen und leiten mechanische Spannung durch den ganzen Körper. Bei hypermobilem Ehlers-Danlos-Syndrom (hEDS) ist das Kollagen – der Hauptbaustoff der Faszien – verändert, was zu chronischer Überspannung als Kompensation führt.
hEDS tritt häufig gemeinsam mit autonomer Dysregulation auf, etwa POTS (posturales Tachykardiesyndrom) oder einer allgemein instabilen Regulation des vegetativen Nervensystems. Das erklärt, warum sich Erholung nach Belastung verlangsamt, warum Stress stärkere körperliche Ausschläge erzeugt und warum die sensorische Empfindlichkeit erhöht ist.
Auffällig: Die Kombination aus hEDS, Neurodivergenz und autonomer Dysregulation tritt überdurchschnittlich oft gemeinsam auf. Vieles spricht dafür, dass dahinter kein Zufall steckt, sondern ein gemeinsamer genetischer Ursprung.
Neurodivergenz als zusammenhängendes System, nicht als Einzelbefund
Zentrales Nervensystem, autonomes Nervensystem, Bindegewebe, Interozeption (die Wahrnehmung von Vorgängen im eigenen Körper) und sensorische Verarbeitung funktionieren bei neurodivergenten Menschen oft gemeinsam anders. Das ergibt eine kohärente andere Systemarchitektur – keinen zufälligen Einzelunterschied. Ein passender Begriff dafür ist neurobiologischer Phänotyp oder Subtyp.
Evolutionär lässt sich das plausibel einordnen: Hyperkonnektivität, erhöhte Mustererkennung und sensorische Sensitivität waren in anderen Lebensumständen – kleinere Gruppen, naturnahe Umgebungen – vermutlich ein Vorteil. In modernen, reizüberfluteten Industriegesellschaften bleibt derselbe Subtyp erhalten, aber mit deutlich höheren Kosten.
Auch erhöhte somatische Empathie – etwa Gänsehaut bei starken Gefühlen anderer Menschen – ist bei Autismus dokumentiert: eine sehr niedrige Schwelle zwischen eigenem und fremdem Erleben.
Muskuläre Zuckungen und Körpergedächtnis
Wiederkehrende muskuläre Zuckungen mit emotionaler Begleitung lassen sich physiologisch als neurogene Entladung beschreiben – ein Konzept aus der Somatic Experiencing-Methode von Peter Levine. Nach jahrzehntelanger emotionaler Taubheit ist die zurückkehrende Fähigkeit zu fühlen ein Zeichen von Heilung, nicht von Instabilität, auch wenn sie sich körperlich zunächst unruhig anfühlt.
Warum das für mich wichtig ist
Wenn ZNS, autonomes Nervensystem, Bindegewebe und Wahrnehmung als ein zusammenhängendes System gedacht werden, ergeben viele einzelne Symptome plötzlich einen Sinn, die vorher isoliert und willkürlich wirkten. Für mich war das eine der hilfreichsten Verschiebungen der letzten Zeit: weg von "was stimmt bei mir alles nicht" hin zu "das ist ein kohärentes System, das ich langsam verstehen lerne."
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Ich habe Pharmazie studiert und weiß, was Wirkstoffe im Körper machen. Und ich habe jahrelang nicht gewusst, was mit mir selbst los ist. Beides gehört zusammen.