30 Jahre funktionieren, drei Jahre lernen zu fühlen
Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht, kein medizinischer Ratschlag. Details wurden zum Schutz meiner Anonymität verallgemeinert.
Das ist keine Untätigkeit. Das ist enormer Aufwand. Das muss ich mir immer wieder sagen, wenn die innere Stimme behauptet, ich würde nichts tun.
Fast 20 Jahre, ohne es zu merken
Rückblickend war ich von der Kindheit bis weit ins Erwachsenenleben in einem Zustand chronischer Überforderung. Ich habe das nicht gewusst. Ich habe funktioniert. Ich habe Gefühle betäubt, mit allem, was gerade half. Der Zusammenbruch, der irgendwann kam, war nicht der Anfang des Problems. Er war der Moment, in dem mein System endlich aufgehört hat, so zu tun, als wäre alles in Ordnung.
Es ist verlockend, den Zusammenbruch selbst als das eigentliche Problem zu behandeln – als hätte vorher alles funktioniert und wäre dann plötzlich kaputtgegangen. Aber das stimmt nicht. Vorher habe ich nur gut genug funktioniert, dass es niemand gesehen hat. Auch ich selbst nicht.
Warum Erholung länger dauert, als man denkt
Nach Jahrzehnten der Überlastung ein paar Jahre zu brauchen, um sich zu erholen, ist nicht "zu lange". Es ist eher am unteren Ende dessen, was realistisch ist. Das musste ich mir selbst sehr oft erklären, weil eine Stimme in mir ungeduldig ist und Erholung mit Stillstand verwechselt.
Erholung ist kein Nichtstun. Erholung ist die Arbeit, endlich zu spüren, was jahrelang weggedrückt wurde – und das ohne die alten Kompensationsstrategien.
Muster erkennen, auch bei sich selbst
Ich habe in kurzer Zeit mehrere Beziehungen gehabt, jede nur wenige Monate lang. Irgendwann habe ich das Muster gesehen und bewusst aufgehört, es zu wiederholen. Seitdem bin ich für mich allein – und das ist keine Niederlage. Das ist Raum, den ich vorher nie hatte, um herauszufinden, wer ich eigentlich bin, wenn ich nicht gerade versuche, in einer Beziehung zu funktionieren.
Wenn Therapie selbst zur Belastung wird
Nicht jede therapeutische Beziehung trägt einen durch alles. In einer Sitzung habe ich weinend über belastende, sich wiederholende Erinnerungen gesprochen – und wurde mit Gereiztheit und dem Begriff einer Fachsprache konfrontiert, die sich anfühlte, als würde mein Schmerz kleingeredet. Das hat mir etwas Wichtiges beigebracht: Auch in der Therapie darf ich hinterfragen, ob das, was gerade passiert, mir hilft oder mir schadet. Eine gute therapeutische Beziehung erträgt diese Frage. Eine, die es nicht tut, sagt mir auch etwas.
Was bleibt
Ich sage mir diesen Satz inzwischen bewusst, wenn ich merke, dass ich mich wieder selbst unter Druck setze: Das ist keine Untätigkeit. Das ist enormer Aufwand. Heilung sieht von außen oft aus wie Stillstand. Von innen ist es die schwerste Arbeit, die ich je gemacht habe.
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