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EMDR bei Autismus und ADHS: Was die Evidenz wirklich zeigt

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EMDR wird in neurodivergenten Communities oft als Möglichkeit gehandelt, die eigene Emotionsregulation direkt zu verbessern. Ein genauer Blick in die Studienlage zeichnet ein vorsichtigeres, aber nicht weniger interessantes Bild.

Die kurze Fassung

Die Evidenz, dass EMDR speziell die Emotionsregulation bei autistischen und ADHS-Erwachsenen verbessert, ist vorläufig und schwach – sie stützt sich fast ausschließlich auf eine nicht-randomisierte Machbarkeitsstudie, unkontrollierte Vorher-Nachher-Studien, Fallserien und Klinikerkonsens. Randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs), die gezielt Emotionsregulation als Ergebnis untersuchen, gibt es in keiner der beiden Gruppen. EMDRs starke RCT-Evidenzbasis gilt für PTBS, nicht für Emotionsregulation bei neurodivergenten Menschen.

Wo EMDR neurodivergenten Erwachsenen hilft, geschieht das am plausibelsten indirekt – durch die Verarbeitung von Trauma, Scham, Zurückweisung und chronischen Stressspeichern, die Dysregulation antreiben – und nicht, weil ein neurologisches Emotionsregulationsdefizit direkt „repariert" wird.

Die Grundlagenstudie wird häufig falsch zitiert

Die am häufigsten zitierte Studie (Lobregt-van Buuren, Sizoo, Mevissen & de Jongh, 2019) wird oft als randomisiert-kontrollierte Studie dargestellt. Tatsächlich war es eine Studie mit 21 autistischen Erwachsenen, die als ihre eigene Kontrollgruppe fungierten (Behandlung-wie-üblich als Ausgangswert), mit durchschnittlich sieben EMDR-Sitzungen. Sie zeigte große Reduktionen bei posttraumatischem Stress und psychischer Belastung sowie eine kleine Reduktion autistischer Merkmale – gemessen wurden Trauma und Belastung, nicht Emotionsregulation selbst.

Ein Beleg, der gar nicht existiert

Für ADHS ist die direkte Evidenz im Grunde auf Einzelfallebene. Eine häufig kursierende Behauptung, eine Studie von „van der Kolk et al. (2018)" habe ein EMDR-Pilotprojekt zu ADHS durchgeführt, ist eine erfundene oder falsch zugeordnete Quellenangabe – eine solche Studie existiert in der Fachliteratur nicht. Van der Kolks tatsächliche EMDR-Studie (2007) behandelte PTBS. Wer als Behandler:in unter Berufung auf diese nicht existierende Studie EMDR als Lösung für ADHS anbietet, sollte kritisch hinterfragt werden.

Anpassungen sind Konsens, kein eigenes Protokoll

Eine Delphi-Befragung von 103 EMDR-Therapeut:innen erarbeitete 124 mögliche Anpassungen für neurodivergente Klient:innen – ein eigenes, formal geskriptetes „Autismus-Protokoll" existiert nicht. Die am breitesten unterstützten Anpassungen sind eher allgemeine therapeutische Prinzipien: Flexibilität, klare und wörtliche Sprache, das Spiegeln des eigenen Gefühlsvokabulars der Klient:innen, plus phasenspezifische Anpassungen wie das Berücksichtigen von „Klein-t"-Traumata (Mobbing, Masking-Erschöpfung, sensorisches Trauma), verschiedene Formen bilateraler Stimulation zur Auswahl, verlängerte Vorbereitungsphasen und die Nutzung von Spezialinteressen als Ressource.

Warum das plausibel, aber unbewiesen ist

Der am besten gestützte Wirkmechanismus ist die Belastung des Arbeitsgedächtnisses: Eine belastende Erinnerung während einer Doppelaufgabe (etwa Augenbewegungen) zu halten, konkurriert um begrenzte Arbeitsgedächtnisressourcen und reduziert dadurch Lebendigkeit und emotionale Intensität der Erinnerung. Eine autismusspezifische Hypothese lautet: Wenn belastendes Material nicht mehr das ohnehin eingeschränkte Arbeitsgedächtnis blockiert, wird mehr Kapazität für soziales und adaptives Funktionieren frei – das könnte die beobachteten Reduktionen „autistischer Merkmale" erklären, ohne dass sich am Autismus selbst etwas ändert.

Risiken, die bei Neurodivergenz stärker ins Gewicht fallen

Dissoziationsrisiko und emotionales Überflutetwerden, Alexithymie (Schwierigkeiten, Gefühle zu erkennen und zu benennen), veränderte Interozeption, die den Körper-Scan erschwert, sensorische Empfindlichkeit gegenüber den Stimulationsformen, und Demand-Avoidance, die die Protokolltreue erschwert – all das spricht für eine verlängerte Stabilisierungsphase und individuelles Tempo. Eine sorgfältige Dissoziations-Screening zu Beginn gilt als bewährte Praxis.

Was im Vergleich stärker abgesichert ist

Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) hat die stärkste Evidenz zur Emotionsregulation bei autistischen Erwachsenen: Eine niederländische Studie fand eine Reduktion suizidaler Gedanken und Verhaltensweisen, wobei eine spätere Mediationsanalyse zeigte, dass Emotionsregulation 67 Prozent des gesamten Behandlungseffekts vermittelte. Eine französische Studie fand ähnliche Effekte, vermittelt über eine Reduktion von Alexithymie. Der klinische Konsens favorisiert eine DBT-basierte Stabilisierung vor oder begleitend zu EMDR-Verarbeitung bei komplexem Trauma mit starker Dysregulation.

Fazit

EMDR ist ein vernünftiges, anpassbares Zusatzangebot für neurodivergente Erwachsene mit traumabedingter Dysregulation – am besten kombiniert oder sequenziert mit fertigkeitenbasierten Ansätzen wie DBT, und durchgeführt von Therapeut:innen mit Autismus- und ADHS-Kenntnis sowie sorgfältigem Screening. Es ist kein direktes „Fix" für ein neurologisches Emotionsregulationsdefizit, und wer das Gegenteil mit Verweis auf nicht existierende Studien behauptet, verdient eine kritische Rückfrage.

Quellen: Lobregt-van Buuren et al. 2019, Journal of Autism and Developmental Disorders · Leuning et al. 2023 · Fisher, van Diest, Leoni & Spain 2022, Autism · Huntjens et al., Psychological Medicine · Simpson et al. 2025, British Journal of Psychology.

Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.

#EMDR#Autismus#ADHS